Rückblick: Erzählcafé – Vom ersten Auftritt bis heute

Volkmar Weber - Die Apokalyptischen Reiter


Viele semiprofessionelle Musiker und Bands aus Jena würden ihre Projekt gerne auf das nächste Level heben, wissen aber nicht so richtig wie. Um die Szene zu unterstützen haben wir mit Martin Lissner vom Polaris ein Format entworfen, in dem sich Musiker begegnen können und gleichzeitig ein fachlicher Austausch mit einer erfahrenen Person aus der Musikbranche stattfinden kann: Das Erzählcafé.

 

Bands und Musiker gibt es wie Sand am Meer. Doch wie schafft man es, gerade als Newcomer und in Zeiten von Social Media aus dieser Masse herauszuragen? Wie ist das Business heute gestrickt und welche bisher bewährten Veröffentlichungsmethoden verlieren mehr und mehr an Bedeutung? Worauf sollte man sich einstellen, wenn man mit seinen Songs ins Studio geht? Fragen wir doch jemanden, der sich im Musikbusiness bewegt und von seinen Erfahrungen berichten kann.

Am 5. September war es dann soweit: Volkmar Weber von den Apokalyptischen Reitern war im Polaris zu Gast. In entspannter Atmosphäre diskutierte er mit Jenaer Musikern über das Musikerdasein. Volkmar kann auf über 20 Jahre Bühnenerfahrung zurückblicken und hat viele Veränderungen im Musikbusiness selbst miterlebt. Bühnenperformance, Studioaufnahmen, Songwriting und Bandmarketing waren dabei unter anderem Thema. Moderiert wurde der Austausch von Martin und David.

 

In Szene setzen

Anfangs haben wir angeregt darüber diskutiert, welche Möglichkeiten eine Band heutzutage hat Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dabei wurde schnell klar, dass einige Musiker auf visuelle Aspekte und „Shocking moments“ setzen. Aufkommende Youtube-Hypes wissen sich immer häufiger auch optisch zu inszenieren und werden entsprechend von einem großen Publikum wahrgenommen. Ein wichtiger Punkt ist, die Band auch als Produkt zu verstehen, die einen bestimmten Sound und Ausdruck verkörpert. Was strategisch und marketinglastig klingt, ist leider aus dem heutigen Business nicht mehr wegzudenken. Innerhalb der Band sollte daher ein Image abgesprochen werden.

 

Für den einzelnen Musiker ist es hilfreich, eine Bühnenpersona zu erschaffen: „Man muss trennen können zwischen der Privatperson und der Person im Bandkonstrukt, die sich als Künstler wahrnimmt“, meint Volkmar. Diese Bühnenpersona sollte mit der Band wachsen. Sind die Rollen in der Band klar, hilft das dabei, die Band als geschlossene Gemeinschaft wahrzunehmen. Wenn der Auftritt dann kurz bevorsteht, wechselt man in einen anderen Modus – das hat auch Auswirkungen auf den Bandzusammenhalt: „Das ist das selbe, wenn Fußballer zusammenstehen und sich vor dem Spiel nochmal einschwören. Wir als Band machen das ähnlich.“ Einer Bühnenpersönlichkeit stehen zudem andere Möglichkeiten des Ausdrucks offen, als einer Privatperson – das macht die Spannung bei den Livegigs aus, die sich schließlich auch auf das Publikum überträgt. Dennoch macht es keinen Sinn sich zu verstellen. Vielmehr gilt es das Potenzial zu nutzen, das bereits in einem steckt: „Wenn man vom Gefühl her innerlich rot ist, sollte man versuchen kräftig dunkelrot zu werden. Aus sich heraus zu gehen, sei dabei dann vor allem Trainingssache und ein stetiges Grenzen überschreiten.“

How to Weihnachtsbraten

Anschließend haben wir uns über Methoden zum Songwriting unterhalten. Aus Volkmars Sicht ist es gut, einen zentralen Songwriter in der Band zu haben: „Unsere Erfahrung ist, dass es besser ist, wenn nicht aus der gesamten Band immer alle komponieren. Das ist, als würden zehn Leute versuchen einen Weihnachtsbraten zu kredenzen. Der wird dann meistens nicht toll schmecken.“ Sammelt Ideen zu Hause, egal ob gepfiffen und mit dem Smartphone aufgenommen oder auf einem Zettel notiert, und bringt diese zur Probe mit, lautet sein Tipp. So könnt ihr dann gemeinsam mit anderen Bandmitgliedern diskutieren und Ideen weiterspinnen.

 

Ein weiterer wertvoller Hinweis ist, die Proben aufzunehmen. So kann jeder im Nachhinein in einer ruhigen Minute das Gespielte noch einmal Revue passieren lassen. Kleine Ungereimtheiten oder der perfekte Flow in dieser oder jener Phrase werden aus der Distanz abends auf der Couch nochmal ganz anders hörbar. Reflektiert dabei, was die anderen spielen und ob alles zusammenpasst – ein solcher Perspektivwechsel ist eine große Hilfe beim Songwriting.

Vorbereitung ist alles

Von den Proberaumaufnahmen sind wir schnell bei professionellen Studioaufnahmen gelandet und haben Volkmar ausgefragt, wie die Reiter sich auf eine Studiosession vorbereiten. Das wichtigste dabei ist, dass man seine eigenen Songs drauf hat:„Man sollte es blind, aus dem FF, zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen können.“ Was passieren kann, wenn man unvorbereitet ist, haben Volkmar und Bandkollegen selbst erfahren, als ein Toningenieur einmal zu ihnen sagte:„Jungs, eigentlich müsste ich euch nach Hause schicken. Ihr könnt die Songs nur von A bis Z durchspielen. Wenn ich sage, „legt doch mal beim P los,“ weiß keiner, wo er ist.“

 

Also: Habt immer im Hinterkopf, dass Studiozeit teuer ist und es für alle Beteiligten umso stressiger wird wenn die Songs nicht sitzen. Oft müssen Studios schon ein dreiviertel Jahr im Voraus gebucht werden. „Wenn man bemerkt, dass man es sich drei Monate vorher bis dahin nicht zutraut, dann lieber den Termin verschieben.“, empfiehlt Volkmar. Gibt es dabei bestimmte Bandmitglieder, die mehr Zeit benötigen, ist die Unterstützung der anderen Kollegen gefragt.

 

Sich vorher mit dem Tontechniker zu treffen hilft dabei, im Studio schnell gute Ergebnisse zu erzielen. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Band und Tontechniker ist generell gut wenn man mal Tage hat, an denen es nicht so gut läuft. Auch Volkmar weiß einen guten Draht zum Techniker zu schätzen: „Ich finde es immer schön, wenn es zwischen einem selbst und dem Toningenieur ein bisschen menschelt.“

Weniger ist mehr

Zum Abschluss haben wir noch ein wenig darüber diskutiert, wie sinnvoll es für Newcomer ist, CDs zu produzieren. Dabei ist schnell klar geworden, dass der Trend immer weiter weg geht vom 10-Track-Album und auch von der klassischen gebrannten CD an sich. Musikkonsumenten hören in Zeiten von Spotify und Co. Musik in Playlisten. Dort tauchen dann meist nur Top-Hits einzelner Alben auf. Digitale Plattformen bringen den eigenen Songs dabei außerdem eine gute Reichweite ein und sind bei Bookern und Promotern beliebt. Nachwuchsmusiker sollten sich bei den ersten professionellen Aufnahmen auf wenige gute Titel statt auf viele mittelmäßige konzentrieren: „Lieber zehnmal im Jahr mit kleinen Aktionen präsent sein, als ein Riesending bringen.“ Das wenige Geld, das gerade am Anfang oft nur da ist, ist dann besser in wenig, dafür aber hochwertiges Material investiert: Vielleicht ein Song und dazu noch ein visuelles Element, wie zum Beispiel ein Musikvideo.

 

In einer offenen Runde stellte sich Volkmar dann noch den Fragen der jungen Musiker im Publikum und betonte noch einmal, wie wichtig es ist, Netzwerke zu bilden. Kontakte zu kleinen Labels aus der Region und dem Genre in dem man zu Hause ist, können entscheidende Startpunkte sein. Dabei ist gerade zu Beginn viel Eigenrecherche gefragt. Wer sich mit der Hoffnung trägt einmal ganz groß raus zu kommen, dem legt Volkmar noch ans Herz, dass es ein wasserdichtes Patentrezept leider nicht gibt: „Es spielen zu viele Zufälle und Glücksfaktoren eine Rolle.“ Schlussendlich gilt es dran zu bleiben und sich Stück für Stück voranzutasten.

 

Mit guten Tipps, wie gerade Newcomer einige Klippen im Musikbusiness umschiffen können, entlassen wir gemeinsam mit Volkmar die Gäste in den Abend. Wir danken ihm für diesen interessanten Austausch und freuen uns schon auf den nächsten Termin. Am 19. September sind alle Jenaer Musiker zu einem weiteren Austausch mit Insa Reichwein, dem Kopf hinter PINSKI, herzlich eingeladen.