Rückblick: Austausch Booking


Der Kampf um die Bühne

 Die Programme der Clubs sind prall gefüllt. Jede Woche hat man in Jena eine bunte Auswahl an Konzertveranstaltungen. Doch wie kommen diese Bands an ihre Auftritte in Jenaer Locations? Wie wählen die Booker aus und welche Anfragen haben keine Chance?

Wir haben am 1. Oktober zwei Booker eingeladen, um mit den Zuhörern direkt zu sprechen. Dabei waren Franky, der Booking für den Kulturbahnhof und das Café Wagner übernimmt und Martin vom Kassablanca. Beide sind aus dem Interesse an guter Musik und neuen Bands zum Booking gekommen und können nun auf einige Jahre an Erfahrung zurückblicken.

Doch nicht nur die beiden Gäste auf dem Podium sollten sich gleich zu Beginn vorstellen. Wir wollten ebenso wissen, wer gekommen ist, um sich Tipps von den Experten zu holen. Welche Erfahrungen bringen die Musiker schon mit und wo klemmt es in Sachen Konzertorganisation? Schnell wird klar, dass die obligatorischen E-Mails nach dem Gießkannenprinzip bisher kaum Wirkung erzielt haben. Eine anwesende Band berichtete folgendes:“Wir haben ein 35 Seiten langes Dokument mit Kontaktadressen und haben jede Woche Mails rausgeschickt aber nur 1% haben uns überhaupt geantwortet“. Einige greifen aber bereits erfolgreich auf ein eigenes Netzwerk zurück oder haben Erfahrung in der Selbstorganisation von Veranstaltungen.

Anfrageflut und Aussiebekriterien

 „Ich beantworte jede Mail,“ meint Franky nach der ernüchternden Bilanz der anwesenden Musiker. „Mich findet aber keiner im Internet. Bis jemand meine E-Mail-Adresse bekommt, geht die durch drei Filter.“ Es ist also schwer, zu den richtigen Leuten durchzukommen. Dazu sei gesagt, dass Franky für den Kulturbahnhof sehr ausgewählte Genres bucht. Der Kontakt zu ihm läuft dann eher über Erfahrungswerte und Mund-zu-Mund-Propaganda: „Bands geben meinen Kontakt weiter, wenn das Umfeld passt.“ Oft muss er Bands ablehnen, was aber nicht heißt, dass diese schlecht sind: „Es ist sehr viel schönes dabei auf das ich Bock hätte, aber dann passt der Zeitraum nicht oder man zieht kein Publikum damit. Es ist in Jena unglaublich schwierig mit einer interessanten Band 45 Leute zu kriegen. Ich weiß nicht wie oft ihr zu einer Band geht, von der ihr noch nie etwas gehört habt.“ Erfolg in anderen Städten ist dabei kein Garant für Erfolg in Jena – es kommt auf die Szene an.

Das Kassa wird jede Woche mit 300 bis 400 Anfragen überschüttet. Dabei sind nicht nur Bands, sondern auch Lesungen, Theater und Poetry Slams. Während Franky damit zu kämpfen hat, dass er oft einigen Perlen absagen muss, kommt bei Martin alles an: „Bei uns kommt auch richtig viel Müll. Da kommen auch Sachen rein, die hörst du dir nichtmal an: Bands, die nicht in der Lage sind zu erzählen, woher sie kommen und was sie machen.“ Sowas fliegt dann ganz schnell raus. Andere Kriterien für das Kassablanca sind der Bekanntheitsgrad der Band, zu große Bands werden nicht gebucht. Weiterhin ist der Abstand zwischen den Auftritten einer Band wichtig. Zwischen zwei Konzerten sollten 15-18 Monate liegen. Coverbands bucht der Club nicht.

Was nun?

Bei der Menge an Anfragen und dem immer dünner werdenden Nadelöhr für jene Bands, die einen der begehrten Slots bekommen können, steht die Frage im Raum, was Bands nun tun können. „Viel Händeschütteln und sich ins Gespräch bringen,“ meint Franky. „Die Leute brauchen ein Bild von euch vor Augen. Erfolg stellt sich nicht dadurch ein, dass eine Band immer besser wird. Erfolg stellt sich dadurch ein, dass hinter den Kulissen viel hantiert wird“. Das bedeutet viel connecten und Ausdauer mitbringen. Auch Szeneübergreifend kann das Sinn machen, wenn etwa Hiphopper mit der hiesigen Sprayerszene in Kontakt sind und sich kreative Synergien für gemeinsame Projekte ergeben.

Wenn ihr eine Mail schreibt, dass ihr spielen wollt ist das ja ganz schön. Wenn ihr aber schreibt, dass ihr gesehen habt, dass eine Veranstaltung in die ihr reinpasst an dem Datum stattfindet und dort vielleicht noch ein Platz für euch frei ist, nehme ich das als Booker ganz anders auf. Man merkt dann, dass ihr euch damit beschäftigt habt,“ fügt Martin hinzu.

 Aus dem Publikum kommt der Tip, gemeinsam mit anderen Bands Konzerte zu organisieren und mit der fertigen Veranstaltungs-Idee an die Clubs heranzutreten. So können auch überregionale Gig-Austausche der Bands untereinander zustande kommen. „Das ist genau der richtige Weg,“ meint Franky dazu.

Promo wie die Profis

Worauf kommt es nun an, wenn man die erste Schwelle überschritten hat und der Booker sich das Material zumindest anhört? Martin bringt es auf den Punkt:„Es muss in erster Linie geil sein,“. Dabei macht sich der Wandel der Zeit bemerkbar: „Es wird schon von ganz kleinen Bands immer mehr gefordert. Ein gut produziertes Video, gute Reviews und professionelle Aufnahmen sollen drin sein, um Eindruck zu machen. Da steigen natürlich im Vorfeld die Kosten für die Band immer weiter.“ Entsprechend ist dann Verhandlungsgeschick bei den Gagen gefragt.

Wichtig beim eingesandten Material ist auch, dass es zu Promozwecken verwendbar ist: „Denkt immer daran, du musst nicht nur den Booker überzeugen, der Booker muss auch das Publikum überzeugen,“ sagt Franky. „Gehen wir mal davon aus, du überzeugst mich mit einem ranzigen Demotape. Aber wie erreichst du die Leute, die auf dein Konzert gehen sollen?“ Die Qualität muss stimmen. Videos machen sich für Konzertpromo dabei noch besser. Die potentiellen Konzertbesucher bekommen so gleich einen Eindruck davon, was sie erwartet.

Achtet bei den Anfragen auch darauf, wo ihr als Band hingehört und geht auf Konzerte,“ gibt Martin noch als Tip mit auf den Weg. Nicht alle Bands passen in jeden Club und wenn man selbst viel unterwegs ist, bekommt man einen guten persönlichen Eindruck von brauchbaren Locations für die eigene Musik. Da ist es dann gut, wenn man auch mal die ein oder andere CD oder Visitenkarte in der Tasche hat, die man anwesenden Bands oder dem Veranstalter bei einem gemeinsamen Bier in die Hand drücken kann. „Ihr könnt auch mal unkonventionelle Wege gehen: Spielt mit einem Akustikset auf dem Zeltplatz eines Festivals oder auf der Straße. Wenn ihr in Richtung Folk geht ist dafür das Rudolstadtfestival eine gute Adresse,“ ergänzt Franky dazu.

Booking ist und bleibt also ein schwieriges Unterfangen. Aber es gibt auch Mittel und Wege trotzdem die Bühnen zu erobern. Das eigene Netzwerk und der persönliche Kontakt stehen dabei im Vordergrund. Ein leicht anwendbares Patentrezept für erfolgreiches Booking gibt es dabei nicht. Vielmehr sind Eigenkreativität und Aktivität in der eigenen Szene gefragt. Ein einzelnes Gespräch wird dabei nicht gleich den großen Coup bedeutet. Es sind viele kleine Aktionen und Gespräche, die auf lange Sicht die Konzertveranstalter hellhörig werden lassen.